Die Essenz von Resilienz

#Seelenleben #Corona #Wohlbefinden 

Erst Klimakrise, dann Pandemie und jetzt auch noch Krieg? Wie viel Krise kannst Du noch ertragen? Wie widerstandsfähig oder vulnerabel sind wir als Individuen und als Gesellschaft? Sind wir eigentlich in der Lage, nach den derzeitigen Ereignissen zu halbwegs normalen Umständen und Befindlichkeiten zurückzukehren, und was können wir tun, um unsere Resilienz zu stärken?

[Text: Sabine Grähn | Illustrationen: Laura Finke]

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Wir befinden uns seit einiger Zeit in einem Übergangszustand zu etwas, das wir noch nie erlebt haben und deshalb schlecht oder gar nicht greifen können. Um uns herum: sich beschleunigende Krisen. Angefangen bei der Klimakrise, mit sich verschärfenden Einzelphänomenen wie dem Zusammenbruch des Amazonas Regenwaldes, dem Abtauen der Permafrostböden und dem Schmelzen der Eismassen der Pole, über die Pandemie mit all ihren soziophoben und die Gesellschaft spaltenden Nebenschauplätzen, die Finanzkrise, die zusätzlich verunsichert und Existenzängste triggert, bis hin zum Gipfel des Ganzen: Ein Krieg fast vor unserer Haustür. Alles mit unsicherem Ausgang. All dem sind wir machtlos ausgeliefert, ohne eine Chance zu haben, das Geschehen wirklich beeinflussen zu können. Friss oder stirb, heißt es seit zwei Jahren, und dann kommt immer wieder etwas Neues obendrauf.

Die Folge ist eine flächendeckende Verunsicherung, dystopische Grundstimmung und die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft. 

Unbrauchbar gewordene Glaubenssätze 

Unsere Resilienz und teilweise sogar die Ursachen heutiger Krisen selbst reichen tief in unsere, seit Jahrhunderten erschaffenen und etablierten Gesellschaftssysteme hinein, die auf unbegrenztem Wachstum, Leistung und Wettbewerb beruhen. Es lohnt sich also, diese mal genauer anzuschauen. Die meisten von uns leben in einer Gesellschaft, in der der Einzelkampf im Vordergrund steht, von der Begabtenförderung der Kleinsten über Wettbewerbsdenken bis hin zum Alphatier oder der klassischen Führungskraft, wie wir sie uns vorstellen. Hauptsache erfolgreich. Am besten klappt das mit wenig Emotionalität, weshalb viele von uns auch [teil]unfähig sind, echte Emotionen zuzulassen, einzuordnen oder überhaupt mit ihnen umzugehen. 

Wenn wir einmal unsere Gedanken, inneren Urteile, Vorzüge und Meinungen genauer ansehen und ganz ehrlich zu uns selbst sind, werden wir uns wundern. Viele von uns entdecken einen oder mehrere Lebensbereiche, in denen sie maßgeblich nach zugrundeliegenden wettbewerbsbasierten Glaubenssätzen denken und handeln. 

Warum eigentlich? Sie geben uns äußerlich Stärke, innere Zufriedenheit, falsche Sicherheit. Vielleicht Status, Planbarkeit und Anerkennung in unserem Leben. All das, was uns glücklich macht, oder? Erkennen wir uns hier wieder? Inwieweit darf jeder selbst entscheiden. Wer fündig wird, darf sich und andere fragen, warum. Ich denke, der Wettbewerb ist etwas Urtümliches, das bereits in unseren Genen steckt, und die Illusion von Stärke und Sicherheit waren höchst erstrebenswerte Lebensziele von mindestens zwei Generationen, teilweise deren Überlebenselixier nach dem Krieg. Darum sind sie auch so stark in uns als handelnde Individuen verankert. Sie sind wie Unkraut. Wir zupfen und zupfen und sie kommen immer wieder.  

Gene, Geister und Gesellschaft: Überrascht mich!

Auch ohne Bewusstheit und Zupfen kann das unehrliche und emotionsarme Konstrukt falscher Sicherheit ein Leben lang gut gehen. Doch was passiert in Krisen? Wir alle haben irgendwelche Vorbelastungen in der eigenen Geschichte, die uns von Zeit zu Zeit unsere eigenen Grenzen ganz klar spüren lassen, zum Beispiel in persönlichen Krisen, durch schmerzliche Trennungen, bei Krankheit oder Tod von Freunden und Familienmitgliedern. Was widerfährt uns dann? Im besten Fall werden wir aufgefangen von unseren Lieben. Wenn die Fürsorge kläglich ausfällt oder der Schmerz einfach stärker zu sein scheint, entwickeln wir vielleicht neue Strategien, um uns selbst zu helfen und das Erlebte zu verarbeiten. Der Rest wird in ein verschweißtes Kästchen im Unterbewusstsein mit der Aufschrift „Do not touch!“ verpackt und als Narbe verwahrt. So oder so ähnlich war es das dann meistens schon. 

Doch was passiert, wenn niemand da ist, der uns aufpäppelt, und wir selbst nicht die Kraft dazu aufbringen können, weil wir Selbstfürsorge schlichtweg geschwänzt haben? Dann werden nicht wenige von uns krank. Was passiert, wenn nun eine ganze Gesellschaft kollektiv in eine Krise gerät, weil wir weder für uns noch füreinander da sind, weil wir weiterhin schwänzen? Was wenn Einsamkeit, Ängste und Perspektivlosigkeit sich über alles Positive setzen? Was, wenn die halbe Menschheit ins Burnout, in Depressionen verfällt, von Angststörungen verfolgt wird und das Haus nicht mehr verlassen kann? Spaltung, Hetze, Dogmen. Denken wir an den Krieg gegen Greta, den Krieg gegen die Ungeimpften ... Irgendwie scheint es dann sehr schlecht um uns bestellt, wenn wir nicht wissen, worauf es nun wirklich ankommt, und wir unsere Kraft nicht für Sinnvolleres aufbringen können. Dabei winkt hier nur die eigene Angst, die die Verteidigung des eigenen Weltbildes fordert, und darum den Kampf ansagt.

Ist da denn noch mehr im Geist und in den Genen des Homo Sapiens versteckt, das uns diese Prüfung vielleicht doch noch bestehen lässt?

Kollektiver Kollaps oder gemeinsame Sache? 

Wir könnten einfach so tun, als sei nichts, nicht darüber reden, dass wir Angst haben, Emotionen abstellen und äußerlich weiterhin falsche Sicherheit anhäufen, Infektions-, Inflationsraten und alles, was da noch so kommen mag, ausblenden. Das Prinzip des Wettbewerbs weiter anwenden. Doch dieses Schocksyndrom, was psychologisch für die Nachkriegsgeneration durchaus seine Berechtigung hatte, wird uns heute als Gesellschaft nicht mehr weiterbringen. Es wird uns nicht heilen, es wird echten Kontakt und Kooperation unterbinden und uns nicht die Möglichkeit geben, die Herausforderungen von Morgen auf diesem Erdball mit voller Kraft anzugehen. Und hierbei geht es nicht mehr nur um leere Regale ohne Klopapier, Öl oder Mehl.

Also müssen wir hinsehen, genau hinsehen und besser bereits einiges dazugelernt haben. Um zu bestehen, bedarf es einer psychisch absolut fitten Gesellschaft, die die Prinzipien der Kooperation verinnerlicht hat. Physisch wird sie alle Hände voll zu tun haben, wenn diverse Wendepunkte überschritten sind und einem ökologischen Desaster das nächste folgt. Fit und resilient sein als Individuen, vor allem aber auch als Gesellschaft. Die Forschung zeigt spannenderweise, dass bestimmte Gruppen und Ethnien über gemeinsame und für die Gruppe spezifische Resilienzfaktoren verfügen, z.B. Religionen und andere Gemeinschaften wie Kindergärten oder Schulen. Zudem werden positives Denken, Akzeptanz und Zugehörigkeit, Handlungsbereitschaft, Strategien zur Selbstbemächtigung und gemeinsame Entscheidungsfindung als resilienzfördernd beschrieben. 

Vielleicht hast Du ein vages Gefühl dazu, wo Du selbst auf der Resilienzskala stehst, und im Vergleich zu Deinem Umfeld auch dazu, wo Du geben kannst und wo Du nehmen darfst oder es wird sich entwickeln, wenn Dich meine Gedanken berühren und Du Dir ernsthaft diese Frage stellst. In jedem Falle hast Du mit Sicherheit ein Problembewusstsein und es arbeitet in Dir, wenn Du meinen Artikel bis hierher gelesen hast. Und mit dem Bewusstsein darüber, dass wir auf Gemeinsamkeiten angewiesen sind, gepaart mit Selbstreflektion, also wo Du selbst stehst, bist Du schon sehr gut ausgerüstet.

Resilienz erlernen

Die gute Nachricht ist zudem: Wir können Resilienz üben! Inspiriert hat mich Aaron Antonovsky, welcher das Prinzip der Salutogenese beschrieben hat. Es bezeichnet den individuellen Entwicklungs- und Erhaltungsprozess von Gesundheit. Nach seinem Konzept sind Gesundheit und Resilienz nicht als gegebener Zustand, sondern als Prozess zu verstehen. Es geht hierbei weniger darum, Halt im Außen zu finden, als vielmehr um eine bewusste und starke Verbindung mit dem eigenen Herzen, die uns in unserer Mitte sein lässt. Dieser Zustand von Stimmigkeit oder Kohärenzgefühl, zeigt uns, dass unser Leben verstehbar, sinnvoll und zu bewältigen ist. Wer Geschehnisse kohärent bewertet und korrekt einordnen kann, erlebt sich als selbstwirksam und ist überzeugt davon, die herausfordernde Situation bewältigen zu können, indem er ungeahnte Ressourcen anzapft. Ganz nach dem Motto: „Der Glaube versetzt Berge.“ Konkret möchte ich folgende Beispielanwendung der Theorie zur aktuellen Situation mit Dir teilen:

 Verstehbarkeit: Es geht nicht darum, den gesamten Konflikt zu kennen und analysiert zu haben. Hierbei geht es um Dich. Was genau macht Dir Angst? Warum fühlst Du Dich bedroht? Deine Antwort könnte heißen: Ich habe Angst vor Krieg, weil mir meine Großeltern davon erzählt haben, und ich weiß, wie traumatisiert sie waren. Informationen über Dich selbst sowie Deinen Gemütszustand einzuholen und diese zu strukturieren hilft, Orientierung in der Situation zu bekommen.

 Handhabbarkeit: Was kannst Du tun, um zu helfen? Du kannst spenden, Geld, Sachspenden, Deine Zeit oder auf eine Demonstration gehen. Du kannst den Krieg nicht stoppen, aber einen Beitrag dagegen oder für Geflüchtete leisten. Damit kommst Du ins Handeln und gelangst nicht in die Rolle des Opfers.

 Sinnhaftigkeit: Ziele zu haben und im eigenen Sein und Wirken eine Bedeutung und die eigene klare Ausrichtung zu sehen, ist in Krisenzeiten eine große Motivation und gibt Hoffnung. Das kann eine selbst definierte Lebensaufgabe sein, persönliches Engagement, der Zusammenhalt in der Familie oder die Aufgabe, die eigenen Kinder auf ihrem Weg zu begleiten und zu resilienten und zufriedenen Erwachsenen aufwachsen zu sehen.

Du solltest bei all dem unbedingt die täglichen Routinen beibehalten, denn nichts gibt mehr Sicherheit als Rituale. Du darfst Dir außerdem erlauben, Spaß zu haben und zu lachen. Es ist erlaubt, Freude zu empfinden, obwohl Krieg ist. Trau Dich Deine Angst anzuerkennen und auszusprechen. Vertraue Dich jemanden an mit Deiner Angst. Mute Dich zu!

Reduziere Deinen Medienkonsum. „Doomscrolling“, so nennt man es, wenn wir zu lange negative Nachrichten konsumieren. Dabei bekommen wir nicht mehr Informationen, sondern versinken in der Krise und lassen Ängste eher wachsen, als dass wir die Kontrolle zurückgewinnen. Nachrichten sind okay, aber nicht zu oft. Abstand und Auszeiten sind wichtig, um nicht zu erstarren und den Kopf wieder frei zu bekommen. Der altbekannte Endorphinspender Sport hilft natürlich auch, psychischen Stress abzubauen.

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Da Resilienz für jede und jeden von uns und kollektive Resilienz als Gesellschaft eines meiner spannendsten Interessenfelder ist, freue ich mich natürlich wieder über Eure Gedanken zum Thema an: sabine.graehn@gmx.de.

 

 

 

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