Selbstgeil im Anderen

#DunkelDuscht #Seelenleben

Wenn Dunkel duscht, dann tun es seine Gedanken dem Wasser gleich: Sie fließen in Strömen und kulminieren in einer kontroversen Kolumne.

[Text: Herr Dunkel | Illustration: Micky Bartl]

Undercut, mit betörend dickem schwarzen Haar, den Scheitel mit Maschine nachgezogen, muss schon sein, oder Haare lang mit grobem Dutt locker auf dem Hinterkopf, Holzfällerhemd, auf jeden Fall Holzfällerhemd, rot, schwarz, weiß – grün, schwarz, weiß, gerne breite Flächen, Vollbart, nicht drei Tage, Monate, fresh gestylt von coolen Typen im lässigen American Barbourshop oder wahlweise beim türkischen Herrenfriseur, was die urbane Infrastruktur halt so hergibt. Hauptsache der Style sitzt. Panade rein, Pomade mein ich, genau, Dapper Dan, wie der Man of Constant Sorrow, dazu Pulled Porc vom Weber Smoker oder rustikal mit selbst geschweißtem Dönerspieß, auf jeden Fall selbst geschweißt und die Pfeffermühle an den Schlagbohrer getackert, Testosteron! Dazu immer relevant dreinschauen, übergereift, biologisch 26, habituell 40, nur ohne Rückenprobleme, Luís Figo ohne Stutzen. Sie sind markant, haben eine hohe Straßenkredibilität und Du kannst machen, was Du willst, ihr Barthaar ist dichter, wächst geordneter und ganz sicher gibt es zu dessen optimaler Pflege den passenden youtube-Channel. 

Der Hippster hat sich nach mehr Männlichkeit gesehnt, keine Frage, die Nerdbrille und das Tweed-Sakko gehören jetzt wieder dem Oberstudienrat. Letztlich entstehen da keine neuen Menschen, sondern schlicht nur neue Zitate im Karussell der gegenseitigen Selbstbezeugung. Ja, das Selbst, alles ist schwer selbstreferenziell und wenn ich da so draufschaue, weiß ich gar nicht, wie ich das finden und wie ich mich verhalten soll. Klatschen vielleicht? Unlängst konnte ich im TV bestaunen, dass ein Vertreter jener Spezies für sein Habitat eine kulinarische Revolution in die Pipe geblasen hat und nun mehr venture capital dafür forderte, um nicht nur mit dem ihm von Gott gegebenen Sexappeal über den break even zu klettern. „Brad Brat“, nein „BradBrat“, eine Bratwurst, die man in Scheiben auf den Grill schneidet, mit viel Flavour und Spirit und ich spüre es ganz tief in mir drinnen: WOW, Alter, DAS ist es, W U R S T! – Das Corporate Image: Er selbst im vektorisierten Konterfei, ein Typ mit Vollbart und Ohrring; die Zielgruppe: 20-35; die Erklärung: „So sehen wir heute alle aus, die wissen schon, worum es geht“; die implizite Message: „Ihr nicht! Zu alt für meine Bratwurstscheiben, zu begrenzt für unseren Style, wenn ich nicht die Kohle bräuchte, würde ich die nur für mich und meine Freunde brutzeln, und übrigens: die auf jeden Fall finden mich alle so was von geil!“ Und wahrscheinlich stimmt das auch. Ermöglicht jene Uniformität postmodernistischer Prägung, die weit über das hinausgeht, was auch früheren Trends und Moden gemein war, denn etwa nicht, dass ich mich direkt in jedem Protagonisten gespiegelt sehe, der mir als Teil meiner Bruderschaft entgegentrabt? Finden sich da nicht alle gewissermaßen „selbstgeil im Anderen“?  

Ich weiß ja nicht, aber diese ironische Lebensführung der nunmehr etablierten 2000er geht mir, ganz allgemein und gelinde gesagt, mittlerweile gewaltig auf den Sack – auch deshalb, weil ihr heutzutage, da alles als viral getriggerte Massenbewegung daherkommt, das Feine, das Subtile, das Fragile und Angreifbare abhanden geht. Kein Aufbegehren gegenüber dem Mainstream, das etwas riskiert, keine rhetorische Finesse gegenüber zu lauten Plattitüden, dafür auf „Ha ha witzig!“ gebürstete, schwerlastattributierte Dominierungskomik, die vor allem deshalb nichts zu befürchten hat, weil sie sich gefällig anbiedert und man sich stets darauf zurückziehen kann, dass die Botschaft ja schließlich nicht durch die eigene Einstellung und Haltung belastbar sei. Was aber will man da sein? Ein Karton? Oder Kunst etwa?? Es ist aber nicht Avantgarde, wenn Du auf einmal aussiehst wie alle anderen und Du bist auch nicht unique, wenn Du denkst oder nichts denkst, wie alle anderen, es ist einfach nur Angst. Und das ist schade, so kurz vor dem 500. Geburtsjahr der Reformation, der Wegbereiterin der späteren Aufklärung, dass selbst die brandarschcoolsten Typen, die die Infrastruktur zu bieten hat, auch nur einen Kupferbolzen in der Hose haben, weil das Leben nach Mutti so seltsam komplex geworden ist.

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 2. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im Oktober 2016.

 

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