Verliebt in diesen Wald

#Naturwunder #Klima #Waldsterben

Kühlender Belüfter der City in der warmen Jahreszeit, nimmermüder Genosse im Bestreben gegen den Klimawandel, Sauerstoff-Fabrikant auf einem Areal von rund 1.700 Fußballfeldern sowie Heimat von Flora und Fauna, wie es sie nur vor unserer Haustür gibt: der Göttinger Stadtwald. Unter der Regie von – mit 35 Jahren vermutlich Deutschlands jüngster – Forstamtsleiterin Lena Dzeia soll dieses idyllische Nah­erholungsgebiet wachsen und gedeihen.

[Text: Claudius Dahlke | Foto: Lena Dzeia]

↑ Die jüngste Forstamtsleiterin Deutschlands Lena Dzeia mit ihrem Hund Paloma

 

Paloma ist uns eine Nasenlänge voraus. Das liegt in ihrer Natur, denn die junge Dalmatinerdame wittert für ihr Leben gern. Besonders da, wo wir beiden Zweibeiner mit ihr gerade unterwegs sind: Das große Göttinger Grün spricht alle Sinne an und lässt auch den modernen schnellen Menschen – den „Homo Tempo Sapiens“ – entschleunigen. Blutdruck und Herzfrequenz sinken, nur der Zug an der Hundeleine erhöht sich. Paloma war noch nicht geboren, als Lena Dzeia vor eineinhalb Jahren die neue Leiterin des Göttinger Stadtforstamtes wurde. Für die gebürtige Bochumerin ein Glücksfall, denn, so sagt sie strahlend: „Ich bin verliebt in diesen Wald.“ Und das hat neben emotionalen auch nachhaltige, wissenschaftliche Gründe. Ihr Vorgänger Martin Levin hat in jahrzehntelanger Arbeit Grundlagen für die Güte des Baumbestandes zwischen Bismarckturm und Mackenröder Spitze geschaffen. 

Waldentwicklung als Umwelt-Vorsorge

Während der Forstbetrieb made in Germany vielerorts immer effizienter auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet wurde, sorgte der Göttinger Ober-Förster Martin Levin bei seinen auswärtigen Kollegen für Erstaunen und dezentes Kopfschütteln. Denn anstatt wie durchaus üblich bis zu 90 Prozent der nachgewachsenen Ressource Holz gewinn­orientiert zu verkaufen, reduzierte er auf 60 Prozent. Zudem sollte der unter definiert ökologischen Gesichtspunkten naturgegebene Rohstoff den Verbrauchern mit Gütesiegel angeboten werden. Quasi als Chefberater überzeugte Levin bereits 1995 die Waldbesitzerin – nämlich die Stadt Göttingen – ein Zehntel der damals rund 1.600 Hektar als neue Referenzfläche auszuweisen. Also als einen Ort, an dem alles verboten ist, was eine naturnahe Waldentwicklung be- oder gar verhindert. Denn Martin Levin prophezeite schon vor 25 Jahren: „Das ist eine richtige Umwelt-Vorsorge. Der Wald wird zum Waldbaureferent – und ich bin gespannt, wo die Sache hinläuft.“ 

Mutterbaum liebt Baumkind

Das Ergebnis lässt sich sehen, wenn eine forstkundliche Begleitung wie Lena Dzeia links und rechts des Weges zeigt: „Hier ist der Buchenbestand durch Ernten, also Fällen, gelichtet. Aber dort auf der anderen Seite stehen die Bäume naturbelassen dicht.“ Das Dach aus Kronen vegetiert zum Sommer hin derart grünbelaubt, dass dieser – mit Absicht nicht betretbare – Waldteil neben dem Erholungsfaktor seine Vorzüge entfalten kann: Kühlende Belüftung der City in der warmen Jahreszeit, nimmermüder Genosse im Bestreben gegen den Klimawandel, Sauerstoff-Fabrik auf einem Areal von rund 2.500 Fußballfeldern sowie Heimat von Flora und Fauna, wie es sie nur vor unserer Göttinger Haustür gibt. Seit ziemlich genau 100 Jahren wird in unserer Stadt bereits nach den Richtlinien einer naturgepflegten Waldnutzung gearbeitet, wovon wir bis heute profitieren. Aber nachhaltige Entwicklung braucht Zeit und Geduld – selbst dem sensibelsten Menschen dürfte es nicht gelingen, das Wachsen eines Baumes zu beobachten. Da hat Deutschlands wohl prominentester Förster sich clever eingemischt. Peter Wohlleben gelang mit Das geheime Leben der Bäume ein Bestseller. „Fantastisch, wie er uns Forstleute in die allgemeine Aufmerksamkeit gerückt hat“, freut sich Kollegin Dzeia. Wobei das pflanzliche Sein zu vermenschlichen – sagen wir mal: Mutterbaum liebt Baumkind – das sei einerseits über-emotionalisert, andererseits in Richtung Roman geschrieben. Aber sowas verkauft sich eben erfahrungsgemäß erfolgreich.

Das neue Waldsterben

Was wir ebenfalls medial forciert immer häufiger vernehmen müssen, ist die Sorge um das sogenannte neue Waldsterben. Gemeint sind damit nicht mehr nur die Nadelbäume, die wie die Fichten-Monokulturen im Harz für extreme Waldbrandgefahr sorgen. Den Katastrophen-Alarm in unserem benachbarten Mittelgebirge hat Bettina Kietz erkundet. Die Forstwissenschaftlerin an der Göttinger Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) fand heraus, dass durch die „Dürrejahre“ 2018 und 2019 besonders viele Bäume abgestorben seien, die – einmal á la Australien entzündet – „wie Zunder brennen“. Zudem gebe es keine Konzepte zur Brandbekämpfung. Evakuierungsplan? Pustekuchen. Auch in unserem Gehölz leidet der Mischwald – Baumsterben 2.0 – unter den ausgedehnten Trockenperioden. Besonders Buchen, die einst Mitteleuropa dominierend bevölkerten, schwächeln. Denkbares Fazit: Die Spaziergänger*innen fernhalten, Privatwälder sperren wie im Solling, neue Wanderweg-Etappen verweigern wie im Gebiet Hann. Münden?

Gretchenfrage: pro Baum oder Cut?

Für Lena Dzeia sind derartige Verbote derzeit kein Thema: „Ich möchte die Menschen im Wald behalten“, sagt sie. Dennoch müsse sie als Verantwortliche schon rein rechtlich entlang der öffentlichen Wege dafür sorgen, dass die Sicherheit gewährleistet ist. Damit kommt für sie die „Gretchenfrage“ ins Spiel: Pro Baum für den Lebensraum diverser Lebewesen oder pro Cut zugunsten der Spaziergänger? Deshalb freut sich die Forstchefin, die das Ruhrgebiet verließ, um hier in Göttingen „Natur-Nahes“ zu studieren, über die Zusammenarbeit mit der Georgia Augusta. Der Austausch von Theorie und Praxis führe angesichts des aktuellen Klima-Szenarios zur Anwendung von Infrarot-Kameras. „So hoffen wir sicherer sagen zu können, ob ein Baum noch lebt.“ Das ließe sich mittels der regelmäßig aufgenommenen Luftbilder weniger exakt feststellen. Und nur, weil ein hölzerner Riese spät oder gar keine Blätter austreibt, erkläre das noch nicht seinen Gesundheitszustand.

Zurück zum Homo Tempo 

Nachhaltigkeit ist Bedenkzeit. Deshalb ist sie froh, dass sich auch Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler [SPD] davon überzeugen ließ, innerhalb der nächsten fünf Jahre die wirtschaftliche Seite hinten an zu stellen, um den Wald durch forstliche Eingriffe nicht noch zusätzlich zu schwächen. Das heißt für Lena Dzeia, keine Rechenschaft bezüglich der Geld-Einnahmen ablegen zu müssen, sondern stattdessen neue Kulturen – fernab der Expresswege des „Homo Tempo“ – zum Wachstum zu ermutigen. 15.000 Pflänzchen sind im vergangenen Herbst unter ihrer Regie beheimatet worden. Allen voran Eichen, aber auch Kirschbäume. Doch wie viel Zeit ihrer Arbeit verbringt der Homo Tempo Lena Dzeia denn eigentlich tatsächlich im Göttinger Grün? „Viel zu wenig. Zehn Prozent“, überlegt sie und tut etwas, das bei unserem Waldgang ansteckend wie erfrischend wirkt – sie lacht: „Es darf gern mehr werden.“ 

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 23. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im September 2020.

 

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